Die Firma

Geheimnisvolle Zauberwürfel, farbenfrohe Stiftschachteln, gediegene Mobiles, knifflige Steckspiele, fantasievolle Pinnbretter oder, wie dieses Jahr, fein geschliffene Wurfspiele sowie Spiegel – jedes Jahr kann man in der GLOCKSEE SCHULE bei der „Firma“ des siebten Jahrgangs schöne und nützliche, von Hand hergestellte, Dinge erwerben. 

Ein Planspiel

Das ist zwar immer wieder ganz nett, aber warum – so könnte man fragen – stellt man mit den eher primitiven Möglichkeiten der Schule Produkte her, die man weit perfekter gefertigt auch in einem Spielzeugladen oder in den einschlägigen Abteilungen von Kaufhäusern kaufen kann? Die ursprüngliche Idee dahinter ist die, für die Jugendlichen in einem Planspiel Prozesse der Produktion von Waren, die Strukturen einer produzierenden Firma und die Rollen der Beschäftigten im Produktionsprozess erlebbar und nachvollziehbar zu machen. Praktische und theoretische Projektarbeit im Arbeit-Wirtschaft-Technik-Unterricht. – Diese Grundidee wird an vielen Schulen verfolgt und dort, wie man jüngst auch in der Presse lesen konnte, sehr unterschiedlich umgesetzt. So wird zum Beispiel versucht, den Produktionsprozess dadurch nachzubilden, dass die Lehrer in die Rolle von, durchaus strengen, Meistern schlüpfen und die Schüler festgelegte Rollen in der Produktion übernehmen. Aufgabenverteilung und Abläufe sind klar gegliedert und durch die Planspielorganisation vorgegeben. – Und den Schülern macht es Spaß „mal etwas Anderes als der normale Unterricht.“

In den Glocksee-Firmen verfolgen wir ein anderes Konzept. Wir gehen davon aus, dass mit dem Planspiel einer produzierenden Firma unter Schulbedingungen eigentlich nur Strukturen und Abläufe einer Manufaktur oder ähnlichen frühindustriellen Produktionsweisen nachgebildet werden können. Produktionsbedingungen also, die heute eher selten zu finden sind. Den strengen Meister mag es immer noch geben, auch autoritäre Strukturen in der Firmenhierarchie gibt es, als Unterrichtsziel jedoch – gerade auch in dieser Altersstufe – sollte nach unserer Überzeugung nicht das Einüben von Rollenverhalten in einer solchen Organisation stehen, zumal die Anforderungen moderner Betriebe auf anderen Mitarbeiterqualifikationen, wie zum Beispiel Teamfähigkeit, aufbauen. 

Wir gehen von einer anderen Problemstellung aus. Wir möchten, dass sich die Jugendlichen der siebten Klasse mit einer besonderen Herausforderung auseinandersetzen: Wir wollen/sollen etwas erfolgreich produzieren. Wie können wir das gemeinsam umsetzen? – Eine Problemstellung, für die es unterschiedliche Lösungen gibt und Strategien, die nicht von vornherein vorgegeben sind. Zugegeben, für pubertierende Jugendliche ist dies eine sehr hohe Herausforderung. Praktisch aus dem Nichts sollen sie etwas erschaffen, was ihnen bislang noch nicht begegnet und ihnen eigentlich sehr fremd ist. Die Lehrer definieren sich für diese Aufgabe ausdrücklich nicht als Chefs, sondern als Berater, die sie in dem gesamten Prozess begleiten, Anregungen geben, helfen Strukturen zu entwickeln, auf Schwierigkeiten hinweisen oder bei der Organisation und technischen Umsetzung helfen. – Recht besehen ist es bemerkenswert, und eigentlich nicht selbstverständlich, dass sich bislang alle siebten Klassen auf diese Herausforderung einigermaßen zuversichtlich eingelassen haben, gibt es da doch auch noch die Bedingung, dass jede/r Jugendliche eine Einlage von 10 Euro als Startkapital einbringen muss.

Was wird eigentlich hergestellt?

Also: was wollen wir eigentlich herstellen? Was können wir herstellen, das auch Abnehmer findet? – Schon dies ein Prozess, der der Gruppe noch vor der eigentlichen Firmengründung Fantasie und Einigungsvermögen abverlangt. Gut, ein Spiel soll es sein und als zweites Standbein sollen Spiegel hergestellt werden. – Gibt es dafür überhaupt Käufer? – Einige aus der Klasse sind losgezogen, haben herumgefragt. Ja, das Spiel wollen viele haben. 

Die erste Betriebsversammlung: Welche Arbeitsbereiche brauchen wir, um unser Ziel zu erreichen? Brauchen/wollen wir einen Chef oder eine Firmenleitung haben? – Nein, alle sind Chef. Es gibt eine Produktionsabteilung und die Verwaltung mit Werbeabteilung, Einkauf/Verkauf und Finanzen. 

Für die Arbeit in den einzelnen Abteilungen muss man sich bewerben. Wie man Bewerbungen schreibt wurde in einem vorbereitenden Projekt geübt. Die Bewerbungsgespräche führen zwei Berater zusammen mit den Klassensprechern. 

Bei der zweiten Betriebsversammlung wird noch einmal über die Aufgaben der verschiedenen Abteilungen gesprochen, dann beginnt die Arbeit. Voller Elan legen alle los. Jede Abteilung oder auch Untergruppe plant etwas, entwirft und versucht sogleich die Ideen in die Tat umzusetzen. Erste Bestellungen werden vorgelegt. Wofür aber eigentlich. Wollen wir das wirklich produzieren? In der Produktion werden schon mal Spiegel produziert, weil dafür schon Material da ist. Aber eigentlich gibt es nur wenige Interessenten für Spiegel. Also was denn? 

LehrerInnen beraten

Nächste Betriebsversammlung: Wir müssen uns mehr abstimmen, aber einige hören gar nicht zu, sind mit ihren eigenen Fantasien beschäftigt, andere sind ungeduldig, wollen einfach loslegen. Und die Werbeabteilung braucht Prototypen um gezielt die Nachfrage ermitteln zu können. Die Mitarbeiterverträge sind auch noch nicht fertig. Jetzt sollen mal endlich alle ihre Kapitaleinlage mitbringen, damit Holz gekauft werden kann.

Für die Berater (Lehrer) eine schwierige Phase. Alle Jugendlichen sind mit ihren eigenen Fantasien zu ihrem Job beschäftigt, der Blick auf das gemeinsame Vorgehen fällt ihnen sehr schwer. Appelle zu gemeinsamen Überlegungen finden kaum Gehör. Ein schwieriges Abwägen zwischen Eingreifen-wollen und Erfahrung-machen-lassen.

Die Jugendlichen spannen ihre Eltern ein. Eine Gruppe unternimmt zusammen mit einem Vater einen Vormittag lang Preisvergleiche, vergisst aber, ihr Ergebnis der Verwaltungsgruppe mitzuteilen. – Immer noch fehlt Material, deshalb geht eine andere Gruppe mit Eltern nachmittags auf Einkaufstour. – Alles sehr eigenwillige Lösungen, die eigentlich nicht vorgesehen waren. 

Erst langsam setzt sich die Einsicht durch, dass mit besserer Kommunikation auch die Arbeitsverteilung und Effektivität verbessern lässt. Die MitarbeiterInnen der einzelnen Abteilungen wachsen in ihre Aufgaben hinein, sehen die Verbindungen ihres Arbeitsbereiches mit den anderen, lernen diese einzubeziehen. 

Endlich haben alle ihre Einlage bezahlt, es ist deutlich wie viel Material für die Produktion eines Spieles notwenig ist, und etwa 50 Spiele könnten wohl abgesetzt werden, wie genauere Umfragen und Vorbestellungen ergeben haben. Also kann ein größerer Schwung Material gekauft werden. Hierfür kann man auch die Berater einbeziehen! 

Es werden mehr MitarbeiterInnen in der Produktion gebraucht. Da in der Verwaltung derzeit nicht viel zu tun ist, helfen die Verwaltungsfachkräfte aus. „Du musst besonders darauf achten, dass du die Farben sauber aufträgst,“ eindeutige Arbeitsanleitungen der Produktionsmitarbeiter helfen den neuen Kräften. „Gebraucht werden jetzt rote Bauern,“ gar nicht so einfach den Überblick zu behalten im Produktionsprozess, „du musst unbedingt auf der Liste nachgucken, was gerade notwendig ist.“ Einige Jugendliche habe sich spezialisiert und haben den Durchblick darüber, was in ihrer Abteilung als nächstes notwendig ist. – Ein gemeinsames Verständnis darüber, wie die Arbeitsabläufe ineinander greifen, wächst bei allen. 

Das Geld ist aus! Einen Kredit aufnehmen?

„Wir müssen unbedingt was verkaufen, denn wir haben kein Geld mehr in der Kasse!“ Einiges Material ist schon auf Pump angeschafft worden, wie die erste Bilanz zeigt. Die Auslagen von Eltern und einiger Berater können noch nicht zurück gezahlt werden und es müssen unbedingt Aufhänger für die Spiegel beschafft werden. „Wir sind bei minus 43 Euro, eigentlich müssten wir einen Kredit aufnehmen.“ Glücklicherweise halten die heimlichen Kreditgeber still. 

In dieser Phase haben alle Beteiligten ihre Rollen gefunden und Übersicht entwickelt über das gesamte gemeinsame Vorhaben. – Die Firma beginnt zu funktionieren. Die Sichtweisen der Einzelnen finden sich in den gemeinsamen Prozess ein. 

 Die Aussichten, dass die Firma mit einem Gewinn abschließt, sind ziemlich gut. Am Ende wird es diese Gruppe nicht schaffen, alle Spiele und Spiegel in den zur Verfügung stehenden Zeit herzustellen und zu Verkaufen. – Die Einigungsprozesse waren nicht effizient genug. In jeder zur Verfügung stehenden Zeit muss also nachgearbeitet werden. Mal sehen wie die Bilanz nach der Auslieferung aller fertigen Produkte aussehen wird.

[Text: Dieter Hermann]

Termine

31.07.14 - 25.09.14

31.07.14 - 10.09.14

Sommerferien